Ansprache zum Wochenende

Trost gegen die Furcht

In schwierigen Zeiten wächst leider bei manchen auch die Unvernunft. Vor einige Tagen war zu lesen, dass sich Gäste geweigert haben, die Insel Sylt zu verlassen. Davon erzählt der Bürgermeister einer Zeitung im Telefoninterview (SPIEGEL-online 18.3.2020). Dafür haben sie eigenwillige Argumente. Sie hätten schließlich bezahlt sagen sie – na ja. Aber dann entdecken sie auch noch die Mediziner in sich und sagen: In der frischen Seeluft sei eine Ansteckung bestimmt unmöglich. Was sie dabei nicht sagen: Sie sind auch beim Hotelfrühstück; in Geschäften und womöglich in Lokalen. Vermutlich wollen sie einfach die Anweisung der Inselverwaltung nicht befolgen. In ihrem Leichtsinn missachten sie: Die Insel wäre gar nicht in der Lage, genug Krankenhausbetten zur Verfügung zu stellen.

         Zugleich hören wir von sogenannten „Coronapartys“ und allerlei nächtlichen Treffen in Parks, bei denen Alkohol fließen soll.

 

Es ist eine seltsame Sache mit dem Leichtsinn. Auf der einen Seite behauptet man sich, dass einem nichts passieren wird. Auf der anderen Seite missachtet man völlig, dass man andere Menschen anstecken könnte. Das haben manche oder viele offenbar nicht im Blick – einige nie. Das ist, um es vorsichtig zu sagen, unfassbar. Wem angeblich nichts passiert, der kann auch nichts auslösen – das ist eine höchst eigenwillige Logik.

         Diese Menschen muss man nicht verstehen, aber bekämpfen muss man sie. Viele meinen schon, unser Land käme um eine Ausgangssperre nicht mehr herum. Zu locker würden Menschen die Anweisung handhaben, möglichst nicht vor die Tür zu gehen. „Nehmen Sie die Lage ernst“, mahnte darum die Bundeskanzlerin in ihrer Rede am Mittwoch.

 

Gerade erleben wir Wochen und Monate der Furcht, das ist offensichtlich und schlimm. Und niemand kann zu uns kommen und uns sagen: „Fürchtet euch nicht!“ Doch, wir müssen uns fürchten. Hundertausende bekämpfen mit ihren medizinischen Mitteln einen Gegner, den sie kaum oder gar nicht kennen. Wir wissen noch nicht einmal, wann und ob alles „wieder gut“ wird. Wir sind ausgeliefert.

         Nur eins wird uns helfen, diese Wochen zu überstehen: dass uns jemand tröstet. Eine Frau erzählt von einer Krankenschwester, die immer sagt, was viele jetzt sagen: „Passen Sie bitte auf sich auf!“ Aber  w i e  sie es sagt. Mit einer Wärme und Herzlichkeit, dass die Patientin sich am liebsten in die Worte hineingelegen würde wie in ein Nest.

         Wenn wir nichts ändern können, gibt es doch Trost. Diese Engel bleiben, damit sie uns behüten auf allen unseren Wegen. Wir werden sie auch erkennen - und wir erfahren sie in der Zuwendung, die sie uns schenken.

          

Michael Becker

mbecker@buhv.de